Karl v. Westerholt

Zur Person

Karl von Westerholt hat in Essen Kommunikationsdesign studiert. Er hat sich während seines Studiums besonders der Fotografie zugewandt und seinen Abschluss mit einer freien fotografischen Arbeit bei Prof. Jürgen Klauke gemacht. Seit 15 Jahren arbeitet er als freischaffender Künstler mit den Medien Fotografie und Sprache.




Einleitung

Denn du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von dem,
was du gemacht hast; denn du hast ja nichts bereitet, gegen das du Hass gehabt hättest.
Weisheit 11.24

Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte die Ausstellung den Titel getragen: Nachrichten vom Lieben Gott. Doch mit diesem Vorschlag konnte ich nicht landen. Ich konnte die Künstlerinnen und Künstler noch nicht einmal dazu bewegen, diesen Titel auch nur zu bedenken. Vielleicht ist es von den erzkatholischen Rheinländern einfach zuviel verlangt, die bewusste Anlehnung an jene ebenso undifferenzierte wie rührende kindliche Gottesvorstellung als Ironie zu verstehen und sich zu eigen zu machen. Ich habe es nicht herausgefunden – nach meinem dritten Plädoyer fingen sie an, sich über mich lustig zu machen.

Umso glücklicher schätze ich mich nun, dem geneigten Publikum an dieser exponierten Stelle erläutern zu dürfen, weshalb mein Titelvorschlag Nachrichten vom Lieben Gott eben doch die bessere Wahl gewesen wäre – weshalb dieser Titel wie kein zweiter eine ebenso zutreffende wie präzise Beschreibung der künstlerischen Qualität dieser neun Ausstellungsbeiträge ist.

Und weißt du nicht – hör mir jetzt genau zu – weißt du nicht, wer die Dicke Frau tatsächlich ist? ... Ah, Mensch, Mensch. Das ist Christus. Christus selbst, Mensch.
J. D. Salinger: Franny und Zooey

Jeder kennt Der Fänger im Roggen von J.D. Salinger. Nur wenige kennen Franny und Zooey. Und das ist auch richtig so, denn es reicht an den genialen Fänger im Roggen nicht heran. Das ganze Buch plätschert scheinbar ziellos und durchaus ein wenig lustlos vor sich hin, lässt die Drastik und Vehemenz schmerzlich vermissen, die im Fänger im Roggen direkt unter der dünnen Decke des vermeintlich planlosen Müßiggangs spürbar wird. Und doch werden wir für unsere Geduld entschädigt – auf der letzten (sic!) Seite des Buchs. Denn dort wird uns im allerbesten Sinne eine Auflösung geboten, dort erhalten wir Antwort auf die Frage, mit der sich die jugendlichen Protagonisten zu diesem Zeitpunkt bereits 200 Seiten lang herumgeplagt haben: die Frage nach dem Sinn des Lebens.
Und die Antwort ist ganz einfach: Alles, was wir tun, müssen wir für die Dicke Frau tun! Dann wird es gut werden und unser Dasein erfüllt sein. Dann werden wir unseren Seelenfrieden finden! Denn die Dicke Frau, das ist Christus!
In der Vorstellung von Salingers Protagonisten sitzt die Dicke Frau vor dem Haus auf der Treppe, den ganzen Tag. Es ist heiß, und sie schlägt unablässig nach Fliegen, während das Radio auf voller Lautstärke spielt. Vielleicht hat sie Krebs. Vielleicht sitzt sie auch in einem scheußlichen Korbsessel und hat besonders dicke und adrige Beine: Im Gewöhnlichen, im Alltäglichen, im Unbeachteten offenbart sich das Göttliche. Die Dicke Frau ist Christus. Ihr zu dienen, der Dicken Frau das eigene Leben, die eigene Arbeitskraft, die eigene Schaffenskraft zu widmen, das verspricht Glück, Erfüllung und Seelenfrieden. Soweit Salinger.

Doch wieso sollte dieser Gedankengang zu einem Nachweis der künstlerischen Qualität der Beiträge führen, die Sie auf den folgenden Seiten sehen werden? Einen Augenblick Geduld noch! Ein letztes Zitat, und Sie werden klarer sehen!

Schreiben ist nicht Kommunikation mit sich selbst. Schreiben ist auch nicht Kommunikation mit anderen. Schreiben ist Kommunikation mit dem Unfassbaren, also der Wirklichkeit.
Max Frisch: Stiller

Meiner Kenntnis nach wurde das Wesen künstlerischen Schaffens nie treffender beschrieben als in dieser lapidaren Äußerung Max Frischs.
Natürlich betrachte ich an dieser Stelle schreiben als stellvertretend für jede künstlerische Tätigkeit. Schreiben ist Kommunikation mit dem Unfassbaren, also der Wirklichkeit. Auf den ersten Blick hat diese Äußerung heute noch etwas absolut Provokantes. Die Wirklichkeit soll das Unfassbare sein? Dachten wir nicht, dass es gerade und nur die Wirklichkeit ist, die wir erfassen, die wir halbwegs zufriedenstellend beschreiben und wiedergeben können? Und nun soll ausgerechnet die Wirklichkeit das Unfassbare sein? Mist! War nicht eigentlich Gott das Unfassbare? Oder habe ich das falsch in Erinnerung? Hat das nicht der Pfarrer im Kommunionsunterricht gesagt? Die Wege des Herrn sind unergründlich. Und die Wirklichkeit ... – ja, war das nicht eigentlich das genaue Gegenteil dieses göttlichen Prinzips, der Gegenentwurf zum Unfassbaren?

Machen Sie sich keine Mühe, die Auflösung dieses Dilemmas ist ganz simpel! Wenn das Unfassbare die Wirklichkeit ist, und Gott das Unfassbare, dann ist Gott die Wirklichkeit. Das allein ist schon eine sehr, sehr schöne These, auch dann, wenn man nicht zu denen gehört, die jeden Sonntag zur Kirche rennen. Gehen wir noch einen Schritt weiter: Wenn wir Gott und Christus ohne großes Palaver gleichsetzen und Christus die Dicke Frau ist, dann ist die Dicke Frau dasUnfassbare, und damit die Wirklichkeit. Und genau darauf wollte ich hinaus! Die Wirklichkeit, Gott, das Unfassbare und die Dicke Frau sind das Gleiche! Die Dicke Frau ist Gott, und sie ist die Wirklichkeit und sie ist das Unfassbare. Mit ihr müssen wir ins Gespräch kommen, mit ihr müssen wir umgehen, wenn wir Kunst machen wollen.

Und hier komme ich nun endlich zur Qualität der fotografischen Arbeiten, denen Sie begegnen werden, wenn Sie diese Seite umblättern, jener in meinen Augen hohen künstlerischen Qualität, die ich durch den Ausstellungstitel Nachrichten vom Lieben Gott zu beschreiben versuchte.
Die neun Künstlerinnen und Künstler, deren Arbeiten Sie in Händen halten, haben ohne Ausnahme alle mit der Wirklichkeit kommuniziert, so wie es Max Frisch beschreibt und als Grundmotiv künstlerischen Schaffens postuliert. Sie haben hingesehen. Sie haben sich die Hände schmutzig gemacht. Sie haben die Ärmel hochgekrempelt und sich um die Dicke Frau gekümmert! Und was sie uns überbringen, sind Nachrichten vom Lieben Gott.

Klaus Ahlemeyer mit seinen ungeschönten schwarzweißen Ausblicken aus der Straßenbahn, ehrliche Portraits vorstädtischer Trostlosigkeit.
Jörg Henne, der mit seiner Reportage über den Kölner Stadtteil Bickendorf ein leises aber vernehmbares Statement zur Ambivalenz städtebaulicher Großvorhaben abgibt.
Martin Junius’ Stadtfugen, die auf der einen Seite scheinbar vollkommen unbeteiligt Fakten über unser urbanes Umfeld zu sammeln scheinen, nur um beinahe unbemerkt im Hintergrund ein noch größeres ästhetisches und suggestives Potenzial in Stellung zu bringen.
Diana Kraeges Gewächshäuser, die gerade in ihrer überwältigenden Trostlosigkeit so treffsicher unsere Sehnsucht nach Natur hinterfragen, deren Nebenprodukt sie ja schließlich sind. 
Anne-Kristin Krämers Squaredancer – ungeschminkte Portraits aus einer eingeschworenen Subkultur ganz normaler Mitmenschen, die sich einmal die Woche treffen, um aberwitzig komplexe Rituale zu vollziehen, von denen kaum ein Mensch je gehört hat.
Ingo Neumann, der den Realismus mit seinen 274 Kölner Apotheken auf ein fast schon unerträglich penetrantes Niveau steigert.
Alexandra Schmitz, die sich in ihren Aktaufnahmen mehr für Achselhaare interessiert als für Schamhaare, was den ersten Überschwang des Publikums ausbremsen mag, langfristig jedoch jene unerträgliche Kalender-Ästhetik wohltuend auf Abstand hält, die unseren Geist bereits seit der Erfindung der Fotografie beleidigt.
Hartmut Schneider, der seine Schülerinnen und Schüler fotografiert, schnörkellos vor weißem Hintergrund – junge Menschen, denen das Schicksal nichts geschenkt hat, die er uns jedoch als liebenswerte, interessante und außerordentlich facettenreiche Persönlichkeiten präsentiert. 
Und Christian Unbehaun schließlich, der ... – sich selbst fotografiert, in Inszenierungen, die ihm ein echtes Anliegen sind. Ja, auch er kümmert sich um die Dicke Frau, genau wie die anderen. Denn er ist selbst die Dicke Frau ... – so wie ich es bin, so wie Sie es sind, so wie wir alle es sind.

Karl v. Westerholt, Köln 2009